Kultur & Kirche 11 | 23.01.2026 | 19 Uhr | BürgerForum Altes Schulhaus, Gaiberg

Prof. Dr. Manuel Vermeer: "Eskalation im Himalaya"
Politik, Wirtschaft und Religion schaffen ein gefährliches Spannungsfeld zwischen Indien und China

Eskalation im BürgerForum

 

Als Prof. Manuel Vermeer auf Einladung des Ev. Kirchenbauvereins zu seinem Vortrag ins BürgerForum kam, war vermutlich den wenigsten klar, was sie erwartete. Der Ruf als exzellenter Fachmann in Sachen Ostasien und als blendender Rhetoriker war im vorausgeeilt, und so waren die Reihen im BürgerForum dicht gefüllt. „Je nach Honorar kann ich die Laune im Plenum anheben oder in tiefe Depression versinken lassen“, scherzte Vermeer, der auf sein Honorar zugunsten des Kirchenbauvereins verzichtet hatte. Die Stimmung schwankte tatsächlich – von tiefer Sorge um das Eskalieren schwelender Konflikte über Bewunderung für gigantische Bauprojekte des Landes, die so nur in einer Diktatur möglich sind, bis hin zur Anerkennung, dass es kein Land auf der Erde gibt, das seine regenerativen Energien derart massiv ausbaut wie China.

 

Grund zur Sorge wegen schwelender Konflikte gibt es genug.

Da wären zum einen die ständigen Scharmützel an der chinesisch-indischen Grenze wegen eines strittigen Grenzverlaufs. Vermeer zeigte eine Karte, gekauft in Indien, für die er wohl in China ins Gefängnis käme und eine weitere Karte, gekauft in China, für die er in Indien wohl ins Gefängnis käme. Zum anderen schwelt mehr oder minder offen der Konflikt der beiden Atommächte Pakistan und Indien, und wie es im Dauerstreit um die Souveränität von Taiwan gegenüber dem übermächtigen China weitergeht, weiß niemand.

Doch die Augen der Weltöffentlichkeit sind derzeit auf die willkürlichen und völlig unberechenbaren Eskapaden eines amerikanischen Präsidenten gerichtet, der dem Erzfeind in Peking den Einfluss auf Grönland entziehen und die Insel den USA einverleiben möchte, ungeachtet dessen, dass Grönland einzig und alleine den Grönländern gehört und es sich dabei auch nicht um Island handelt, wie der Präsident immer wieder die beiden Inseln verwechselt.

China wird niemals eine Insel wie Grönland militärisch attackieren, stellte Vermeer klar; gleichwohl wird der Klimawandel zu einer Veränderung von Handelswegen führen. In diesem Punkt liegt auch der amerikanische Präsident nicht falsch, dass das Abschmelzen von arktischem Eis zu Veränderungen geostrategischer Überlegungen führen wird – auch wenn er selbst kontinuierlich den menschgemachten Klimawandel leugnet.

China hat sich längst auf Klimaveränderungen eingestellt. Da sind zum Beispiel die neuen Handelswege entlang des asiatischen Kontinents durch das arktische Polarmeer. Hinzu kommen wachsende Herausforderungen im Inneren des Reiches der Mitte.

Die Hauptstadt Beijing, in der klimatische Bedingungen herrschen, die der Sahelzone vergleichbar sind, wird seit 2014 über das größte Wasser-Umleitungsprojekt der Geschichte mit Wasser aus dem Süden versorgt. Auf zwei Routen – aus dem Stausee Danjiangkou an einem Yangtse-Zufluss und dem alten Kaiserkanal vom Yangtse in die Hafenstadt Tianjin – wird das kostbare Nass aus dem regenreichen Süden in den trockenen Norden Chinas gepumpt.

Der Drei-Schluchten-Staudamm am Yangtse ist der flächenmäßig größte und leistungsstärkste Staudamm der Welt. Er verhindert die jährlichen Überschwemmungen, unter denen Millionen von Chinesen früher zu leiden hatten – auch eine Folge der globalen Klimaveränderungen.

Doch nun gab das Land vor wenigen Monaten den Startschuss für ein Staudammprojekt, das völlig neue Dimensionen erschließen soll. Unweit der Grenze von Tibet, das China längst als Teil Chinas betrachtet, wird am Oberlauf des Brahmaputra ein Staudamm entstehen, der alle Grenzen sprengen wird. Mit dem dort erzeugten Strom könnte man die gesamte deutsche Wirtschaft mit Energie versorgen. 140 Milliarden Euro soll das Ganze kosten und in zehn Jahren fertig sein. Es sind sogar nukleare Explosionen im Gespräch, um ein Tunnelsystem von 50 Kilometer Länge mit einem Höhenunterschied von 2000 Metern zu schaffen. Dreimal so viel elektrische Energie soll erzeugt werden wie der weltgrößte Staudamm am Yangtse derzeit liefert. Was China hier plant, soll in einer bislang völlig unerschlossenen Region ohne Straßen ablaufen, in der die Natur unberührt und weltweit einzigartig ist. Was Geologen und natürlich den indischen Nachbarn besonders beunruhigt, ist die hohe seismische Aktivität in der Region, aber auch die Möglichkeit, dass der Staudamm und die ungeheure Wassermasse seismische Aktivitäten auslösen können.

Daneben fürchtet Indien, dass China das gestaute Wasser unmittelbar an der Grenze zu Indien auch als strategische Waffe einsetzen könnte.

Manuel Vermeer verstand es auf allerbeste Weise, die interessierten Zuhörer mit seinen Fakten, aber auch mit kleinen persönlichen Anekdoten zu fesseln und die Sicht auf eine Region zu schärfen, die keine schwarz-weiße Farbgebung, sondern unendlich viele Farbtöne kennt. Unser Urteil ist in vielen Dingen sehr von der europäischen oder gar von der rein deutschen Sichtweise geprägt; aber es lohnt sich immer, auch die Perspektive zu wechseln und sich in die Denkweise von Politikern aus China oder Indien hineinzuversetzen. Vermeer, der nicht nur an der Hochschule lehrt und forscht, sondern auch Unternehmen berät, die in Fernost Handelskontakte aufbauen, ist dabei ein Kenner, der auf Erfahrungen und Erlebnisse zahlreicher Reisen in die Region zwischen Indien, Tibet und China zurückgreifen kann.

Von diesen Erlebnissen zehrte und zehrt Manuel Vermeer auch für seine bislang vier Polit-Thriller, die in diesen Regionen spielen und eine Fülle von Fakten und dabei jede Menge an Spannung enthalten. Vermeer signierte auf seiner Vortragsveranstaltung des Kirchenbauvereins seine Bücher und schenkte die vier Romane „Das Jahr des Hahns“, „Tod am Taj Mahal“, „Mit dem Wasser kommt der Tod“ und das jüngste Werk „Am seidenen Faden“ spontan gleich der Gaiberger Gemeindebücherei, bei der die Bände ab sofort auszuleihen sind.

Eine intensive Frage- und Diskussionsrunde schloss den spannenden und unterhaltsamen Vortragsabend ab – ganz ohne Eskalation aber mit sehr viel Erkenntnisgewinn.

Der Kirchenbauverein bedankt sich an dieser Stelle bei allen, die zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen haben und auch bei der Gemeindeverwaltung, die dem Kirchenbauverein unbürokratisch die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat.

Mancher der Besucher wollte die Arbeit des Kirchenbauvereins über die Kollekte am Ausgang hinaus nachträglich finanziell unterstützen. Hier sei nochmals die Kontoverbindung genannt:

Ev. Kirchenbauverein Gaiberg e.V. - Volksbank Heidelberg-Neckartal

IBAN: DE47 6729 1700 0011 2084 01 - BIC GENODE61NGD

 

Martin Boeckh

 

Auf Einladung des Ev. Kirchenbauvereins Gaiberg e.V. referierte Manuel Vermeer, der viele Jahre in Gaiberg wohnte, zum Thema „Eskalation im Himalaya"

Foto: boe

Bei der 11. Veranstaltung von Kultur & Kirche waren die Reihen erneut dicht gefüllt. Das Thema stieß auf großes Interesse. 

Foto: boe